Der Wasserträger

Moische Kulbak

Wilna

1

Auf deinen Mauern geht, wer eingehüllt im Talles, Des Nachts über der Stadt hält ihn die Trauer wach. Er lauscht: Die Adern alter Betstuben und Höfe Pulsieren, rasseln wie ein staubbedecktes Herz. Du bist ein Psalmenlied, geformt aus Lehm und Eisen, Gebet wird jeder Stein, und Hymne – jede Wand, Wenn Mondlicht in die Kabbala der Gassen rinnt Und deine nackte, garstig-kalte Pracht beglänzt. Dein Frohsinn trauert, ist die Freude tiefer Bässe Von Klesmern, deine Feste sind Begräbnisfeiern, Trost schenkt dir nur die leuchtend klare Armut, Die auf dem Stadtrand ruht, wie stiller Sommernebel. Du bist ein dunkles Amulett, in Litauen gefasst, Mit altersgrauer Schrift, von Moos bedeckt und Flechten: Ein jeder Stein ist Buch, Wände sind Pergamente. Die Nacht für Nacht geheimnisvoll die Seiten wenden, Wenn ein Wasserträger auf der alten Synagoge Frostklamm sein Bärtchen streicht und Sterne zählt.

2

Des Nachts über der Stadt, hält mich die Trauer wach: Kein Ton. Die Häuser liegen starr wie Lumpenballen. Irgendwo oben tropft und flackert eine Kerze. Wie eine Spinne hockt, im Dachstuhl eingenistet, Ein Kabbalist und spinnt des Lebens grauen Faden: – Sag, gibt es einen in der weiten kalten Leere, Der unser Ohr verlorne Schreie hören lässt? Vor ihm steht Rasiel, bleigrau, in der Finsternis Mit pergamentnen, alten, abgewetzten Schwingen, Die Augen, Gruben voller Sand und Spinngewebe: – Es gibt ihn nicht. Da ist nur Trauer und sonst nichts! Die Kerze tropft. Der grüne Jude lauscht versteinert Und saugt das Dunkel aus des Engels Augenhöhlen. Der ganze Dachstuhl atmet tief, mit Lungen Des herben Wesens bei den Hügeln schlummernd. Ach, Stadt, bist du nur Traumbild eines Kabbalisten, Das grau durchs All schwebt, wie ein Spinnennetz im Herbst?

3

Du bist ein Psalmenlied, geformt aus Lehm und Eisen. Und deine Lettern schwinden, bleichen, blättern ab: Hier sind die Männer Stöcke, Weiber – Laibe Brot; Kalte geheimnisvolle Bärte dürre Schultern, Augen, die wie auf See die Boote schwanken. Nachts reden Juden, spät, bei einem Silberhering, Zerkratzen sich die Brust: Oh, Gott, vergib uns... Der Mond, er glotzt als weisses Auge durch die Scheiben, Versilbert Lumpen, die auf einer Leine hängen, Kinder in Betten – gelbe, schlüpfrig weiche Würmer, Brettflache Körper halbentblösster Mädchen... Wie Gassen schmal sind deine düstren Menschen: Die Stirnen stumm, wie starre Bethofmauern, Bemoost die Brauen, wie die Dächer deiner Trümmer. Du bist ein Stossgebet, geschrieben auf die Felder. Ich sing von dir, dem Raben gleich, beim Mondlicht, Denn niemals schien in Litauen die Sonne.

4

Dein Frohsinn trauert, ist die Freude tiefer Bässe Von Klesmergruppen. Und dein stiller Frühling lässt Bäumchen auf Mauern spriessen, Gräser aus den Wänden; Aschgraue Blüten kriechen matt aus altem Stamm. Brennesseln stossen staubig durch die Erde. Der Kot regiert. Die Wände ragen auf im Nebel. Nachts bläst der Wind zuweilen Dach und Steine trocken Und ein Phantom aus Wasser, Dunst und Mondschein Huscht flink durch silbrige, verträumte Strassen. Das ist die Wilja kühl, verhüllt und angeschwollen Die nackt und frisch, mit langen Wasserarmen, In eine Stadt einkehrt, wo blinde Fenster schielen Und ihr zu Ehren nur die Brücken sich verneigen. Hier öffnet keiner seine Tür und schaut hinaus, Moosbärtig staunen Mauern, wie im Rund die Berge. Nur Stille und Schweigen rings.

5

Du bist ein dunkles Amulett, in Litauen gefasst, Auf deinem ruhelosen Grund erglühn Gestalten: Die strahlendbleichen Weisen eines fernen Lichts, Mit harten Knochen, von der Arbeit abgeschliffen; Der glutvoll stählerne Bundist im Rothemd; Der blaue Talmudist vorm grauen Bergelson. Jiddisch ist hier der schlichte Kranz von Eichenblättern Über den hehren Toren zur profanen Stadt, Jiddisch ist graues Licht, das in den Fenstern funkelt – Und wie ein Wandrer, der am alten Brunnen rastet, So sitz ich da und lausche seiner rauhen Stimme, Die mir das Blut in allen Gliedern rauschen lässt. Ich bin die Stadt! Die tausend schmalen Weltentüren, Der Schwall von Dächern hoch zum schmutzigkalten Blau. Ich bin die schwarze Flamme, die an den Mauern züngelt Und in den Augen des Vertriebnen glüht. Ich bin das Grau! Die schwarze Flamme! Bin die Stadt!

6

Und ein Wasserträger auf der alten Synagoge Streicht sich frostklamm das Bärtchen und zählt die Sterne.

Übertragen von Andrej Jendrusch